Symposium des Instituts für Geographie und Regionalforschung, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

In Kooperation mit: Österreichische Geographische Gesellschaft, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Philosophische Gesellschaft, Institut für Philosophie

29./30.05.2015, Stiftungssaal

[Hier geht es zu den Videoaufzeichnungen der Vorträge]

 

Programm

Freitag, 29.05.2015

13.30 Uhr Begrüßung und Eröffung

Rektor Oliver Vitouch
Dekan Erich Schwarz

Institutsvorständin und Gastgeberin Heike Egner


Moderation: Heike Egner

13.45 Uhr Wahrheit Oder

Siegfried J. Schmidt (Institut für Kommunikationswissenschaft, Münster)

14.30 Uhr "...as we go along". Die Wahrheit als Sekundant

Matthias Kroß, Einstein-Forum, Potsdam

15.15 Uhr Kaffeepause


Moderation: Philipp Aufenvenne

15.45 Uhr Wahrheit und Ethik

Katharina Neges, Institut für Philosophie, Klagenfurt

16.30 Uhr Wahrheit als regulative Idee in den Wissenschaften

Volker Gadenne, Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie, Linz

17.15 Uhr Die Konstruktion von Paradoxien. Eine Anleitung

Josef Mitterer, Institut für Philosophie, Klagenfurt

19.00 Uhr Gemeinsames Abendessen


Samstag, 30.05.2015
Moderation: Kirsten von Elverfeldt

09.30 Uhr Genetische Wahrheit? Vom genetischen Determismusmus zum epigentischen Probalismus

Martin Weiss, Institut für Philosophie, Klagenfurt

10.15 Uhr Wie wahr sind Wirklichkeiten, wie wirklich sind Wahrheiten? Versuch über eine arumentative Abhängigkeit

Bożena Chołuj, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Frankfurt (Oder)

11.00 Uhr Kaffeepause


Moderation:Thoams Hainscho

11.30 Uhr Orte der wahrheit: Institutionelle Macht und Welterschließung

Hans-Herbert Kögler, Department of Philosophie, Jacksonville (Florida)

12.15 Uhr Kontingenz der Vergangenheit: Von möglichen Geschichten und verknüpften Zeiten

Achim Landwehr, Institut für Geschichtswissenschaft, Düsseldorf

13.00 Uhr Mittagspause


Moderation: Philipp Überbacher

14.30 Uhr The truths inside. Verortungen der Wahrheit in der Geographie

Philipp Aufenvenne, Heike Egner und Kirsten von Elverfeldt, Institit für Geographie und Regionalforschung, Klagenfurt

15.15 Uhr Nicht dualisierende Redeweise und empirische Forschung

Franz Ofner, Institut für Volkswirtschaftslehre, Klagenfurt

16.00 Uhr Kaffeepause


Moderation: Heike Egner

16.30 Uhr Was hat der Philosophiehistoriker mit der Wahrheit zu tun?

Kurt Flasch, Philosophisches Institut, Bochum

17.15 Uhr Kommentierende Beobachtungen der "Wahrheit unterwegs" im Laufe der Tagung

Katharina Neges, Institut für Philosophie, Klagenfurt

17.45 Uhr Ende des Symposiums


Wahrheit unterwegs

Wissenschaft fühlt sich – und ist es aus ihrem Selbstverständnis heraus – der Wahrheit verpflichtet. Was jedoch Wahrheit sei und wie sie festzustellen wäre, ist zu allen Zeiten kontrovers diskutiert worden. In der Zweiten Moderne, mit ihrem Hauptmerkmal der stetig zunehmenden Kontingenzen, scheinen die Fragen nach der Wahrheit, ihrer Feststellbarkeit und Gültigkeit drängender zu werden. Denn trotz einer massiven Zunahme der wissenschaftlichen Erkenntnisse von der Welt und ihrer Zusammenhänge stellt sich allmählich eine Gewissheit ein: Wir treffen die meisten Entscheidungen unter Nicht-Wissen, Unsicherheit und Ungewissheit über die damit einhergehenden Konsequenzen. Bei genauer Betrachtung eines Phänomens scheint die Frage nach der „Wahrheit“ schwieriger zu werden und die Möglichkeit multipler (oder pluraler) „Wahrheiten“ rückt in den Bereich des Denkbaren. Gleichzeitig wird Wahrheit als letztgültige Referenz in unentschiedenen Situationen und Auseinandersetzungen von allen beteiligten Parteien eingesetzt, ohne dass damit die Sache entscheidbar würde. Wahrheit erscheint vor diesem Hintergrund zu vagabundieren, sich mal diesem oder jenem Argument anhängen zu lassen, ohne dass unsere Erkenntnisse über Wahrheit selbst (oder die Welt) damit tiefer würden. Das Symposium versucht die Vielfältigkeit des Einsatzes von „Wahrheit“ aufzuzeigen sowie nach klugen Möglichkeiten des Umgangs mit „Wahrheit“ zu suchen.


Abstracts der Vorträge


Wahrheit oder
Siegfried J. Schmidt

Mit der Substantivierung von zugleich philosophisch wie wissenschaftlich und alltagsweltlich relevanten Adjektiven und Verben haben griechische Philosophen perennierende Probleme geschaffen. Welcher Art sind die Referenten von Substantiven wie Schönheit oder Wahrheit, und wo ist ihr Ort? Die bis heute dominante dualistische Behandlung dieser Probleme soll durch eine konsequent non-dualistische Prozess-orientierte Argumentation ersetzt werden, die vom Beobachter und seiner Lebenswelt in soziokulturellen Kontexten ausgeht. Die Frage lautet: Warum, wann, wozu und wo wird das Attribut ‚wahr‘ verwendet? Dann zeigt sich, dass es zwar „die Wahrheit“ nicht gibt, dass wir aber die Attribution von ‚wahr‘ als unverzichtbares soziales Regulativ brauchen, um Legitimationsketten sinnvoll unterbrechen und damit soziales Handeln durch Bezug auf gemeinsam geteiltes Wissen erfolgreich organisieren zu können. Dieses Argument gilt für alltagsweltliche, wissenschaftliche und philosophische Handlungen und Kommunikationen gleichermaßen. Zur Moral des Umgangs mit ‚wahr‘ gehört, dass die Attribution auf Nachfrage begründet und dass die Attribution in Frage gestellt werden kann, was zur prinzipiellen Veränderbarkeit des Wahrheitsdiskurses führt.

Siegfried J. Schmidt, geb. 1940, studierte Philosophie, Germanistik, Linguistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Freiburg, Göttingen und Münster. Promotion 1966, 1965 Assistent am Philosophischen Seminar der TH Karlsruhe, 1968 Habilitation für Philosophie, 1971 Professor für Texttheorie an der Universität Bielefeld, 1973 dort Professor für Theorie der Literatur. Seit 1979 Professor für Germanistik/Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität-GH Siegen. 1997 Professor für Kommunikationstheorie und Medienkultur an der Universität Münster. 2006 Emeritierung von der Universität Münster.

"... as we go along" Die Wahrheit als Sekundant
Matthais Kroß

In Zeiten fast unentlarvbarer Manipulation von Medien und Daten und die sie verarbeitenden Prozessoren scheint es um die Gewissheit von Wahrheit und die Wahrheit von Gewissheiten zunehmend schlecht bestellt. Die damit einhergehende Relativierung von Wahrheiten und der unhintergehbare Pluralismus von Weltanschauungen lösen zunehmend tiefe Verstörung, Ratlosigkeit bzw. Hemmung aus; zum anderen führen sie zu einem Wiedererstarken diverser ideologischer Dogmatismen bzw. philosophischer Fundamentalismen. Da beide Reaktionsweisen als Krisenreflexe historisch rekurrent sind und sich wiederholt als philosophisch wenig ergiebig erwiesen haben, erscheint es reizvoll, neue Wege zu beschreiten. Dabei könnten Wittgensteins Ideen zur „Vollzugslogik“ von Sprachspielen und seine späten Studien zur Gewissheit einen Wegweiser abgeben: Sie vermeiden die Skylla eines resignativen Relativismus ebenso wie die Charybdis dualistischer Wahrheitskonzeptionen. Wahrheit wird dabei als ein Sekundant der Regelhaftigkeit nicht nur der Diskurse über die Welt, sondern gerade auch der sie fundierenden leiblichen Umgangsweisen in und mit ihr begriffen.

Matthias Kroß (*1953) publiziert vornehmlich zu Wittgenstein, dem er bereits seine Dissertation gewidmet hat (Betreuung: Prof. Dr. Gunter Gebauer). Seit 1995 arbeitet & forscht er in seiner Eigenschaft als Philosoph am Einstein Forum in Potsdam; in seiner Kapazität als Soziologe unterrichtet er seit 1997 an der dortigen Universität.

Wahrheit und Ethik
Katharina Neges

„Erkenntnistheorie ist an sich Ethik und Ethik ist Erkenntnistheorie“ schreibt Herbert Marcuse und führt die seineserachtens zu Unrecht getroffene Unterscheidung zwischen den beiden Proponenten auf die, die Philosophie begründende, Antagonie zwischen Erscheinung und Wirklichkeit, zwischen Unwahrheit und Wahrheit zurück. Dieser Gedanke von Marcuse ist zwar plausibel, aber höchst rechtfertigungsbedürftig. Ohne die metaphysischen Konsequenzen zu teilen, die er aus seiner Auffassung zieht, werde ich in meinem Vortrag dafür argumentieren, dass Wahrheit in der Ethik die selbe Rolle spielt, wie in der Erkenntnistheorie: sie scheint zentral, kann aber verlustfrei gestrichen werden. Was danach bleibt, ist die Frage, nach unserem Verständnis von Wissenschaft.

Katharina Neges ist Universitätsassistentin für theoretische Philosophie an der AAU Klagenfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Metaethik, Wahrheits-, Erkenntnis-, und Entscheidungstheorie.

Wahrheit als regulative Idee in den Wissenschaften
Volker Gadenne

Nach einer alten Idealvorstellung suchen Wissenschaften nach der Wahrheit, wobei Wahrheit als die Übereinstimmung zwischen Aussage und Realität verstanden wird. Auch heute wird diese Auffassung von vielen noch vertreten, doch wird sie auch vielfältig kritisiert. Es wird unter anderem eingewendet, dass der zugrunde liegende Wahrheitsbegriff unklar und widersprüchlich sei, und dass es überdies gar keinen Erkenntniszugang zu einer objektiven Realität geben könnte. Prüft man diese Einwände näher, so stellt sich aber oft heraus, dass sie sich gegen  einen Erkenntnis- und Wahrheitsanspruch richten, der zwar früher einmal erhoben wurde und sich als nicht haltbar erwiesen hat, der für die heutigen Richtungen des Realismus aber durchaus nicht charakteristisch ist. Wenn man Wissen als hypothetisch und fehlbar auffasst, dann ergibt sich kein Problem daraus, dass man die objektive Realität als den Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und die Wahrheit als regulative Idee begreift.

Voker Gardenne ist Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Johannes Kepler Universität Linz. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften, das Körper-Geist-Problem und das Bewusstsein. Er ist Autor von "Wirklichkeit, Bewusstsein und Erkenntnis" und "Philosophie der Psychologie".

Zur Konstruktion von Paradoxien. Eine Anleitung
Josef Mitterer

Es geht im Vortrag nicht um die Lösung oder Auflösung von Paradoxien sondern um ihre Herstellung. Welche Setzungen im Voraus ermöglichen eine erfolgreiche Konstruktion von Paradoxien und semantischen Antinomien? Welche Rolle spielt (Selbst-)Referenz und wie wird sie erzeugt? Einige Versionen des Lügnerparadoxons werden diskutiert. Auch diese: Ich irre mich. Wenn ich mich irre, dann irre ich mich nicht. Und wenn ich mich nicht irre, dann irre ich mich.

Josef Mitterer ist Philosoph an der Universität Klagenfurt. Nach "Das Jenseits der Philosophie" und "Die Flucht aus der Beliebigkeit" arbeitet er seit langem an einem dritten Buch, "Die Richtung des Denkens".


Genetische Wahrheit? Vom genetischen Determinismus zum epigenetischen Probalismus
Martin Weiß

1958 formulierte Francis Crick, der 1953 zusammen mit James Watson die molekulare Struktur der DNS entdeckt hatte, sein berühmtes „zentrales Dogma der Molekularbiologie“ demzufolge der Informationsfluss in der Zelle nur eine Richtung kennt: Vom unbeweglichen Beweger-Gen zu den codierten Proteinen, den elementaren Bausteinen der Zelle, auf die die Merkmale eines Lebewesens zurückgehen. Die Merkmale der Lebewesen schienen genetisch determiniert. Die Wahrheit des Lebendigen lag in seinen Genen.

Die Ein-Gen-ein-Protein-Hypothese lag auch dem Human Genome Project (1990-2001) zugrunde. Doch statt der erwarteten 100.000 Gene fand man nur ca. 30.000. Das Paradigma der klassischen Genetik „ein Gen – ein Protein, ein Protein – eine Funktion“ kann heute nicht mehr aufrechterhalten werden, da vielmehr zu gelten scheint: „ein Gen – viele Proteine, ein Protein – viele Funktionen.“ Der neue postgenomische Gendiskurs ersetzt das mechanistisch-deterministische Modell der klassischen Genetik, das die Beziehung von Gen und Phänotyp als Ursache-Wirkungs-Verhältnis begriff, durch ein probabilistisches Modell, das das Genom lediglich als Prädisposition, d.h. als Anlage für bestimmte phänotypische Ausprägungen begreift, über deren tatsächliches Auftreten lediglich statistische Aussagen möglich sind. Das Genom ist heute kein festgeschriebenes faktisches „Programm“ mehr, sondern nur mehr ein Hinweis auf Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, die überdies durch äußere (epigenetische) Umstände beeinflusst werden können. Die Gene sagen nicht mehr die Wahrheit, sondern weisen Wahrscheinliches aus. Die Biologie des Menschen ist im postgenomischen Zeitalter kein Schicksal mehr, sondern ein Risiko. Darin, dieses Risiko zu kontrollieren, besteht heute die Aufgabe sowohl des Einzelnen als auch der Politik.

Martin Weiß ist Assistenz-Professor am Institut für Philosophie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Mitglied der Forschungsplattform Life-Science-Governance der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Phänomenologie, Hermeneutik, Italienische Philosophie, Philosophische Postmoderne, Bioethik, Wissenschafts- und Technikforschung. Veröffentlichungen: Bios und Zoë. Die menschliche Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009 (Hrsg.); Gianni Vattimo. Einführung. 3. Aufl. Wien: Passagen 2012; Ethics, Society, Politics. Proceedings of the 35th International Wittgenstein Symposium. Berlin/Boston: De Gruyter 2013 (Hrsg. mit Hajo Greif); Suspect Families. DNA Analysis, Family Reunification and Immigration Policies. Farnham: Ashgate 2015 (Hrsg. mit Torsten Heinemann, Ilpo Helén, Thomas Lemke und Ursula Naue).


Wie wahr sind Wirklichkeiten, wie wirklich sind Wahrheiten? Versuch über eine argumentative Abhängigkeit

Bożena Chołuj

Der Genderbegriff, seine Wahrheit und seine Handhabung in der sozialen Lebenspraxis stehen im Mittelpunkt des Vortrages. Am Beispiel aktueller polnischer Debatten zum Thema „Gender-Ideologie“ wird gezeigt wie sich konträre Argumentationslinien entwickeln und ihre Wahrheiten über Gender produzieren, womit sie in unterschiedliche Lebensbereiche, vor allem in die Geschlechter- und Hochschulpolitik, hineinwirken.

Prof. Dr. Bożena Chołuj ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Europa Universität Viadrina und an der Universität Warschau. Dort leitet sie seit ihrer Einführung die Gender Studies. Ihre Forschungsbereiche sind: deutsche und polnische Literaturgeschichte, Gender Studies, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie. Neben Artikeln über Hermann Broch, Robert Musil, Max Weber und zur Frauenproblematik publizierte sie u. a das Buch: „Deutsche Schriftsteller im Banne der Novemberrevolution 1918“ und als Herausgeberin „Von der wissenschaftlichen Tatsache zur Wissensproduktion. Ludwik Fleck und seine Bedeutung für die Wissenschaft und Praxis“.


Orte der wahrheit. Institutionelle Macht und Welterschließung

Hans-Herbert Kögler

Das Papier untersucht die Möglichkeit einer Begründung von Wahrheitsansprüchen aufgrund von –und nicht desto trotz oder entgegen – deren institutioneller Kontexteinbettung. Wahrheit wird traditionell an universale, kontext-übergreifende, und macht-unabhängige Kriterien von Rechtfertigung und Angemessenheit gekoppelt. Dennoch kann deren Einlösung je nur, wenn überhaupt, durch bestimmte Diskurspraktiken, Kontextregeln, und institutionelle Rahmenbedingungen gewährleistet werden. Die Analyse unternimmt den Versuch, die Kontextabhängigkeit von Wahrheit als deren Möglichkeitsbedingung, anstatt als deren Gegensatz und als ein Zu-Überwindbar-Anderes, zu verstehen. Dieser Anspruch wird durch eine Rekonstruktion von diskursiver Erfahrungswahrheit im Kontext kritisch-revidierbarer Welterschließungen begründet. Damit soll zudem auf ein plurales System von verschiedenen Wahrheitspraktiken hingearbeitet werden, innerhalb dessen diverse natur- bzw. sozial und kulturwissenschafltiche Diskurse nicht-reduktiv als rechtfertigungsfähige Interpretationsmodi der Realität begreifbar werden.

Hans-Herbert Kögler, Professor of Philosophy und Department Chair, University of North Florida, Jacksonville. Wichtigste Veröffentlichungen: The Power of Dialogue: Critical Hermeneutics after Gadamer and Foucault, (1999) (deutsch 1992); Michel Foucault (2te Auflage 2004), Kultura, Kritika, Dialog (tschechich 2006), and the co-edited Empathy and Agency: The Problem of Understanding in the Human Sciences. Über siebzig Aufsätze und Buchkapitel, Übersetzungen ins Französische, Italienische, Russische, und Tschechische.


Kontingenz der Vergangenheit: Von möglichen Geschichten und verknüpften Zeiten

Achim Landwehr

Wenn sich die Wahrheit schon auf den Weg macht, dann lohnt es sich, den Spuren eines bekannten historischen Wahrheitssuchers und Geschichtsreisenden zu folgen: Herodot soll nicht nur der Historiographie seine Vaterschaft geliehen, sondern ihr auch noch reisenderweise zum quasi wissenschaftkichen Status verholfen haben. Oder etwa doch nicht? Die Diskussion um Herodot reißt nicht ab. Schon seine Zeitgenossen vermuten, dass er weniger Vater der Gechichtsschreibung las vielmehr Vater der Lügengeschichte war.

Ohne diese Frage entscheiden zu müssen (oder gar zu wollen), können Herodots „Historien“ als Ausgangspunkt dienen, um schlichte Dichotomien im Umgang mit abwesenden Zeiten (ob vergangenen oder zukünftigen) beiseite zu lassen und stattdessen Fragen danach aufzuwerfen, inwiefern die Vergangenheit kontingent sein könnte, was die Latenz in der Geschichte zu suchen hat und wieso die Möglichkeit im Historischen eine größere Rolle spielt als üblicherweise angenommen.

Achim Landwehr, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der HHU Düsseldorf. Forschungsschwerpunkte: Europäische Kulturgeschichte, Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts, Geschichtstheorie. Letzte Veröffentlichung: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, S. Fischer: Frankfurt a.M. 2014.


The truths inside. Verortungen der Wahrheit in der Geographie

Philipp Aufenvenne, Heike Egner, Kirsten von Elverfeldt

Mit ihrer Verortung auf der Bruchlinie zwischen Natur- und Sozialwissenschaften und dem Anspruch, beide Bereiche inhaltlich zusammenzuführen, lässt sich die Geographie als ein Mikrokosmos des Wissenschaftssystems begreifen. In ihr werden gleichzeitig und gleichermaßen realistische wie antirealistische Positionen vertreten, was eine Pluralisierung disziplinärer Wahrheitsvorstellungen mit sich bringt. Während in der sozial- und geisteswissenschaftlichen Humangeographie vermehrt die Kontingenz des Wahrheitsbegriffs betont und ein personengebundenes Wahrheitsverständnis kultiviert wird, hängt die naturwissenschaftliche Physiogeographie einer empiristischen Wahrheitsvorstellung an. Hier gilt die Wahrheit als messbar und objektiv in der Landschaft erfassbar. The truths inside of geography werden somit entweder räumlich oder personalisiert verortet, und diese unterschiedlichen Verortungen blockieren die innerdisziplinäre Kommunikation und geben darüber hinaus wenig Hoffnung (wenn auch viel Anlass) für eine non-dualistische Perspektive innerhalb unseres Faches.

Philipp Aufenvenne ist Universitätsassistent am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Gesellschaft-Umweltforschung, der Netzwerkforschung sowie der geographischen Wissenschaftsbeobachtung. Zuletzt erschienen: „Säulen der Einheit und Brücken im Fach“: Integrative Autor_innen in der Geographie. In: geographische revue, 2015, 2, S. 23-55.

Heike Egner ist Professorin für Geographie und Regionalforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Theoretische Geographie, Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen, Risiko- und Katastrophenforschung, System- und Komplexitätsforschung. Letzte Buchveröffentlichung „Learning and Calamities“ (Routledge 2014).

Kirsten von Elverfeldt ist Assistenzprofessorin am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Ihr Forschungsfokus liegt auf theoretischer Geomorphologie, Systemtheorie(n) sowie Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen. Zuletzt erschienen (gemeinsam mit H. Egner): „Systemtheorie und Mensch-Umwelt-Forschung: Eine geographische Perspektive“: In: Goeke, Lippuner & Wirths (eds): Konstruktion und Kontrolle. Wiesbaden: Springer VS, 319-342.


Nicht-dualisierende Redeweise und empirische Forschung

Franz Ofner

In meinem Beitrag möchte ich auf die Schwierigkeit eingehen, ein Verständnis empirischer Forschung zu entwickeln, das mit Josef Mitterers non-dualisierender Redeweise kompatibel ist, und anschließend einen Vorschlag für ein solches Verständnis präsentieren. Traditionellerweise gehen wir davon aus, dass wir uns in der empirischen Forschung letztlich auf nicht-sprachliche Objekte beziehen, selbst wenn die Datengewinnung sprachlich vermittelt ist. Damit stellt sich die Frage, wie die Beziehung zwischen Forschungsobjekt, Forschungstätigkeit und Beschreibung des Forschungsobjekts auf nicht-dualisierende Weise vorgestellt werden kann. Können wir die Auffassung beibehalten, dass die Forschungsobjekte nicht-sprachlicher Natur sind, oder müssen wir sie als sprachliche Gebilde auffassen? Ist die Forschungstätigkeit eine rein sprachliche Tätigkeit oder müssen die Ergebnisse der Forschung erst in Sprache transformiert werden? – Die pragmatistische Handlungs- und Kommunikationstheorie von George Herbert Mead ermöglicht es, ein Konzept zu entwickeln, in dem der nicht-sprachliche Aspekt von Forschung und ihr sprachlicher Aspekt auf nicht-dualisierende Weise verbunden sind. Gemäß diesem Konzept ist Sprechen potentielles, durch Symbole angezeigtes Handeln und sind Beschreibungen sprachlich angezeigte Handlungsobjekte.

Franz Ofner, Jg. 1946, 1984 Promotion in Erziehungswissenschaften und Psychologie, 1978-1985 Arbeit an Forschungsprojekten über organisationale und soziale Veränderungen in Unternehmen im Zuge der Einführung neuer Technologien, seit 1985 Mitglied der Universität Klagenfurt, 1996 Habilitation in Wirtschaftssoziologie. Forschungsschwerpunkt: Pragmatistische Soziologie.


Was hat der Philosophiehistoriker mit der Wahrheit zu tun?
Kurt Flasch

Ich stelle eingangs klar, was ich unter "Philosophiehistorie" verstehe und zeige, wieso Relativismus und ein Skeptizismus, dessen Bedeutung genauer zu bestimmen ist, die Hausphilosophie des Philosophiehistorikers ist. Im zweiten Schritt beschreibe ich den Forschungsimpuls des Philosophiehistorikers und frage, ob in ihn Elemente des alten, metaphysischen Wahrheitskonzepts mit eingehen. Drittens meditiere ich, was aus diesem Impuls im Lauf der Forschung werden kann. Ich betone die Differenz von philosophiehistorischer Recherche und Philosophiehistorie als Geschichtsschreibung. Im Ganzen reflektiere ich meine historiographische Erfahrung.

Kurt Flasch, geboren 1930 in Mainz; Studium, Promotion und Habilitation im Fach Philosophie in Frankfurt. Verfasser einer Reihe von Monographien zur Philosophie der Antike und des Mittelalters, auch zur Theorie der Philosophietheorie und über die Intellektuellen im Ersten Weltkrieg. Lange Arbeit an Dante.

 

 

 

 

 

 

 
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